Einfach klingende Lösungen sind nicht immer zielführend!

Nach Inkrafttreten der „kleinen“ BVergG-Novelle 2015 steht nun die weitere Umsetzung der Vergaberichtlinien 2014 und die Neuverlautbarung des BVergG 2017 bevor. Es bestehen bereits jetzt Bestrebungen der Sozialpartnerinitiative „Faire Vergaben“ weitere Verschärfungen für die öffentliche Auftragsvergabe durchzusetzen.

Beispielsweise wird die Schaffung eines „Vergabestaatsanwaltes“ gefordert, der die Einhaltung des Vergaberechtes sicherstellen soll. Zur Durchsetzung seiner Kompetenzen soll dem „Vergabestaatsanwalt“ Antragslegitimation vor den Vergabekontrollinstanzen zukommen. Freilich wird alternativ vorgeschlagen, dass ein solches Antragsrecht auch den gesetzlichen Interessenvertretungen zukommen könnte, um Zusatzkosten und Bürokratie zu vermeiden.

Unrichtiges wird nicht richtiger, indem man es oft oder laut genug wiederholt!

>>> Umfrage zur „kleinen“ Bundesvergabegesetz-Novelle 2015 – Erfahrungsberichte

Keine Wunderwaffe gegen Lohn- und Sozialdumping

Das Europäische Vergaberecht ist von allen öffentlichen Auftraggebern zwingend bei der Beschaffung von Bau-, Liefer- und Dienstleistungen einzuhalten. Das Vergaberecht verfolgt primär zwei Ziele:

(1) einen europaweit unbeschränkten Wettbewerb und

(2) eine korrekte und nachvollziehbare Durchführung von Auftragsvergaben durch die öffentliche Hand.

Die Ziele der Sozialpartnerinitiative sind hingegen die Hintanhaltung von Lohn-& Sozialdumping.

Mit der in den letzten Wochen wieder öffentlichkeitswirksam geführten Kampagne für eine weitere Verschärfung des Vergaberechts wird weiterhin medienwirksam behauptet, dass Lohn- und Sozialdumping und die budgetbedingte Reduktion des Auftragsvolumens der öffentlichen Hand sowie das in erster Linie durch Subunternehmer verursachte Preisdumping durch das vergaberechtliche Zuschlagsprinzip beeinflussbar wären. Diese Behauptung ist falsch.

Auftragsvolumen sinken

Die Bekämpfung von Lohn- und Sozialdumping ist richtig und gut.

Lohn- und Sozialdumping passiert aber erst nach dem Vergabeverfahren und kann daher auch nur dort bekämpft werden. Bereits vor der Novelle wurden mehr als 90% aller Aufträge an österreichische Auftragnehmer vergeben.

Der Auftraggeber kann aber nicht verhindern, dass der (österreichische) Auftragnehmer einen (ausländischen) Subunternehmer für die Leistungserbringung einsetzt.

Politisch lässt sich die Forderung nach einem „Bestbieter“ leicht verkaufen, weil sich niemand dagegen aussprechen wird, dass der „Beste“ den Auftrag erhalten muss. Durch die Umsetzung dieser Forderung lässt sich das Problem des Lohn- und Sozialdumpings nachweislich aber nicht lösen.

Stattdessen bringt die Umsetzung der Forderung enorme Kosten für die Auftraggeber und die Bieter. Öffentliche Mittel müssen für sinnlose und wirkungslose Bestbieterverfahren vergeudet werden, weshalb bei gleichbleibendem Budget das Auftragsvolumen sinkt.

Benachteiligung von KMU

Richtig ist, dass das „Bestangebotsprinzip“ eine Methode ist, komplexe und nicht vollständig beschreibbare Leistungen im Wettbewerb zwischen Unternehmen vergleichbar zu machen.

Davon abgesehen müssen all jene, die ständig öffentlich behaupten oder fordern, die soziale und wirtschaftliche Gesamtsituation damit zu retten, dass dem öffentlichen Auftraggeber verboten werden soll, für den Steuerzahler kostengünstig einzukaufen, endlich zur Kenntnis nehmen, dass bei öffentlichen Auftragsvergaben neben stark beschränkten Budgets eben auch EU-rechtlich vorgegebene Gesetze einzuhalten sind. Neben den Zwängen dieser Gesetze ist auch zu hinterfragen, ob es tatsächlich wirtschaftsfördernd ist, wenn die durchzuführenden Vergabeverfahren aufgrund gesetzlicher Vorgaben aufwändiger gestaltet werden müssen und damit teurer und langwieriger werden. Mit anderen Worten: Will der Steuerzahler tatsächlich eine Ausweitung der administrativen Prozesse mit Vollbeschäftigung für die öffentliche Verwaltung und die von dieser einzusetzenden Konsulenten wie Rechtsanwälte und Ziviltechniker oder wollen wir einen schlanken Staat mit effizienten Methoden für die Vergabe der unzähligen Aufträge im öffentlichen Interesse?

Schließlich ergibt sich für Klein- und Mittelunternehmer die Hürde, dass Angebote hochkomplexe und formalistische Anforderungen erfüllen müssen. Große Unternehmen und internationale Konzerne werden sich diesen Mehraufwand und die dafür benötigten Rechtsanwälte eher leisten können, um korrekte Angebote abzugeben.

Und schließlich stellt sich die Frage, weshalb die eindeutige Bestimmbarkeit eines Auftragnehmers über den angebotenen Preis gesetzlich zwingend aufgegeben werden muss, um statt dessen über grenzwertig sinnvolle und oft vergaberechtlich unzulässige weitere Kriterien, die nicht in gleicher Weise wie der Preis der Leistung objektivierbar sind, die (freie) Wahl zwischen den Angeboten zu bewirken. Durch die zwingende Festlegung solcher Kriterien neben dem Preis verschwimmt die Nachvollziehbarkeit und Transparenz des Verfahrens und öffnet so die Tür für Korruption.

Conclusio

Richtig ist:

  • das Budget der öffentlichen Hand wird nicht mehr, jeder Euro für komplexe Vergabeverfahren geht beim Einkaufen ab;
  • KMU ohne Rechtsbeistand werden in die Subler-Rolle gezwungen;
  • Lohn- und Sozialdumping machen weder der öffentliche Auftraggeber noch sein Auftragnehmer, sondern die eigentlich tätigen Sub-Sub-Unternehmen; daher kann der Vergabeprozess keinen Einfluss darauf haben;
  • seit Beitritt Österreichs zur EU ist dem öffentlichen Auftraggeber jede regionale Bevorzugung von Unternehmen verboten, daher kann auch die Anwendung des „Bestangebotsprinzips“ keine legale Methode dafür sein;
  • richtig angewandtes geltendes Vergaberecht ermöglicht über vollständige Ausschreibungsunterlagen, maßvolle Eignungsanforderungen an Bewerber und Bieter sowie eine korrekte Angebotsprüfung insbesondere der Preisangemessenheit der Leistung schon heute und auch zukünftig „faire Vergaben“;

Kommen wir daher wieder auf den Boden der Realität und lösen wir wesentliche Probleme unserer Zeit wie das Lohn- und Sozialdumping mit hierfür geeigneten Methoden. Die überregulierte und schwerfällige öffentliche Auftragsvergabe ist hierfür ganz sicher ungeeignet.

UMFRAGE

Vor diesem Hintergrund startet der Auftraggeber-Arbeitskreis eine Umfrage, um die ersten Erfahrungsberichte und die Wünsche der Branche zu erheben und diese im Hinblick auf die „große“ Novelle im Gesetzgebungsprozess vortragen zu können.

>>> Umfrage zur „kleinen“ Bundesvergabegesetz-Novelle 2015 – Erfahrungsberichte

Auftraggeber-Arbeitskreis: Faire Vergabe

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